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Beirut, Dezember 2017

 

EINE INSEL IM CHAOS

 

Warum Christen und Muslime sich im Libanon zuhause fühlen

von Lucia Czernin

in: Die Tagespost

Die Levante ist stark durch den Islam geprägt. Immerhin war sie 500 Jahre Teil des osmanischen Reichs. Schon ab dem 7. Jahrhundert haben sich hier diverse Kalifate abgelöst. Doch im Libanon spielt auch die Bibel eine wichtige Rolle. Sie erwähnt ihn 64-Mal und sein Symbol, die Zeder, sogar 75-Mal. Jesus selbst soll sich wiederholt auf libanesischem Boden aufgehalten haben.  „Dieses Land ist mehr als ein Land. Es ist eine Botschaft.“, sagte schon Johannes Paul II. 1997 bei einem Libanon-Besuch. Im Zedernland sind der Vielfalt keine Grenzen gesetzt: Auf einem schmalen Landstreifen von 250 Km siedeln neben vier Millionen Einwohnern, zwei Millionen Flüchtlinge. Zu dieser Fusion von Kulturen und Sprachen kommen 19 anerkannte Religionsgemeinschaften. Durch den 15-jährigen Bürgerkrieg hat sich gezeigt wie fragil dieses Mosaik ist. Nur zwei unangefochtene Star-Figuren stehen über allen Religionsgemeinschaften: Zum ersten die heilige Jungfrau Maria, zum zweiten der heilige Charbel. Er war maronitischer Einsiedler-Mönch im 19 Jahrhundert.

 

"In einer pluralistischen Gesellschaft zu leben ist eine Entscheidung sowohl der Christen als auch der Muslime. Wir schätzen diese Vielfalt. Der Islam im Libanon ist ein toleranter Islam. Weder von christlicher noch von muslimischer Seite gibt es offizielle Missionsabsichten”, unterstreicht Abouna Georges Dimas, Korrespondent des griechisch-orthodoxen Metropoliten Elias Audi.

Diejenigen, die die Taufe möchten, kämen von selbst.  

 

Diese Aussage bezeugen auch Muslime, die bei christlichen Pfarren Anschluss suchten. Oft reagieren die Priester intuitiv abweisend. Aus Angst sie könnten der Missionierung bezichtigt werden. Das kann sich auf diesem Pflaster niemand erlauben. „Man macht es ihnen weder leicht, noch gewinnen sie irgendetwas dazu, im weltlichen Sinne.“, so der griechisch-katholische Erzbischof, Monsignore Cyrille Bustros. Tatsächlich sehen kirchliche Stellen bei Taufanwärtern eine Wartezeit von mindestens 3 Jahren vor.

 

Doch der Libanon ist das einzige „arabische Land“ das Religions- und Gewissensfreiheit verfassungsrechtlich schützt. Auch die Menschen aus den Nachbarstaaten wissen: Will man seine Religion ändern, macht man das am besten im Libanon. Trotzdem werden viele Konversionen geheim gehalten. Aus Sicherheitsgründen gibt es keine offiziellen Aufzeichnungen. In den Pfarren tauchen immer wieder Taufanwärter auf, die auch extra aus anderen Ländern anreisen. Monsignore Boulos Matar, maronitischer Erzbischof von Beirut, hat in den letzten Jahren bis zu 30 Muslime getauft. Sein eigener Mentor stammte aus einer mächtigen sunnitischen Familie im Süd-Libanon. Er war am Höhepunkt seiner Finanzkarriere Christ geworden und schließlich Priester.

 

Abouna Agapios ist zuständig für den muslimisch-christlichen Dialog in seiner Pfarre. „Im Libanon über Religion zu sprechen ist kein Tabu mehr. Es handelt sich eher um eine wachsende Gesprächskultur“, versichert er. Ideale wie Vielfalt, Patriotismus und gegenseitiger Respekt sieht er weniger gestört durch Religiosität, sondern sogar gefördert: „Ich weiß nicht wie es bei euch Europäern ist, aber für uns Orientalen ist Religion Identität. Wenn ich meine Identität beiseitelasse, werde ich zum Heuchler.“

 

Das ist auch im libanesischen Parlament zu sehen: Alle konfessionellen Gruppen haben ihre Sitze. Der Präsident muss ein maronitischer Christ sein.

Dieses System wurde 1926 mit Hilfe von Frankreich zugunsten der Maroniten entwickelt, die traditionell eine Bevölkerungsmehrheit in der Region darstellten.

Im arabischen Vergleich, hat der Libanon nach wie vor den größten Anteil autochthoner Christen. Das Land war immer Zufluchtsort für orientalische Christen. Sie fungieren oft als “Puffer” zwischen Sunniten und Shiiten.

 

Ob es einem gefällt oder nicht, „Allah“ prägt Geschichte, Sprache und Traditionen des Libanon. Der Sage nach, hat Gott persönlich die Zedern auf dem Libanon Gebirge gepflanzt. Der letzte Rest der über 4000 Jahre alten Bäume heißt auch heute noch landläufig „Arz al-Rab“ – Zedern Gottes. Daher sind sich alle Libanesen, Muslime wie Christen, einig sich in „Gottes Garten“ zu befinden. Die konfessionalistischen Gesellschaftsstrukturen sind auch Nährboden für gegenseitige Diskriminierung und Korruption. Doch, bei allen Missständen wirkt allein die Tatsache, dass der Libanon mitten im Chaos, seine fragile Stabilität seit der Syrien-Krise halten konnte, wie ein Wunder.

 

Wichtige Orte christlicher Prägung sind die Schulen und Universitäten.  Im ganzen Land werden 400 Schulen und 10 Universitäten von christlichen Initiativen betrieben. Insgesamt werden dabei 500.000 Schüler und Studenten ausgebildet, wovon 65% aus muslimischen Familien kommen. Für Bischof Matar ist klar, was viele Muslime anzieht: „Das Geheimnis des Christentums, die Liebe Gottes zu seinem Volk.“ „Liebe“ als zentrales Wort im Christentum, rufe große Neugierde hervor.

 

Erfahrungen im interreligiösen Austausch macht auch Fadia. Die junge Frau arbeitet in der Seelsorge der Jesuitenuniversität Saint Joseph. „Seit dem Aufkommen der Terrorbewegung „Islamischer Staat“ kommen vermehrt junge Männer zu mir. Vor allem Sunniten. Sie sind sehr betroffen von den Handlungen des IS und suchen Antworten im Christentum.“ Aber Fadia will nichts überstürzen: "Wenn sich ein Muslim für den christlichen Glauben interessiert, frage ich immer: Hast du den Koran gelesen?“ Ihr ist es wichtig, dass jeder seine Religion kennt. „Das ist die Basis für Dialog.“

 

Dieser Dialog findet nun im Land der Zedern schon seit über 1000 Jahren auf engstem Raum statt. Trotz vieler Schwierigkeit, hat er Muslime und Christen einander nähergebracht. Diese 'Symbiose' ist ein Grund, warum sich die unterschiedlichsten Menschen und Kulturen hier zuhause fühlen. „Ich habe den Libanon nie als einen Staat betrachtet. Dieser Platz stellte für mich eher eine Idee dar. Im Grunde eine gute Idee.“, sagte dazu Said Abu-Rish, ein bekannter palästinensischer Journalist. Bekanntlich sind ja die besten Ideen immer besonders unwahrscheinlich.